Das Passionsfenster in der Sakristei der Basilika Steinfeld...

Passionsfenster Steinfeld 2022 (c) Manos Meisen
Passionsfenster Steinfeld 2022
Datum:
Do. 17. März 2022
Von:
Helmut J. Kirfel

...ein kaum beachtetes Kunstwerk von Willy Weyres, dem späteren Kölner Dombaumeister

Versteckt fast hinter dem mächtigen Holzkreuz und den hohen Leuchtern auf dem Altar in der Steinfelder Sakristei, verdient es, neu entdeckt zu werden: das aus vier Scheiben bestehende „Passionsfenster“. Der Künstler hat hier vier Szenen aus der Leidensgeschichte Jesu gestaltet, in denen jeweils eine besondere Beziehung eines oder mehrerer Menschen zum Herrn im Mittelpunkt steht. Identifiziert werden können die einzelnen Szenen leicht mithilfe eines dominanten, wohlbekannten Schlüsselsymbols (oben links beginnend im Uhrzeigersinn chronologisch angeordnet): der Geldbeutel am Gürtel – der „Verrat“ des Judas; der Krug, aus dem Wasser über eine Hand gegossen wird – die „Unschuld“ des Pontius Pilatus; die Geißel, mit der ein Soldat Jesus, an der „Geißelsäule“ stehend, „straft“; die Dornenkrone auf dem Haupt des Herrn, dem ein kniender Soldat zum Spott „demutsvoll huldigt“, also tatsächlich auf das grässlichste verhöhnt. Die Person Jesu ist jeweils gut zu erkennen am hell leuchtenden Nimbus hinter seinem Haupt.

Szene 1: Mag die neuere Exegese unter Verweis auf den frühen Evangelisten Markus es milder deuten, hier jedenfalls weist der grellrote Geldsack am Gürtel den Judas als den Geldgierigen aus, der seinen Herrn um einen „Judaslohn“ verkauft. Judas ist im Begriff, Jesus zu umarmen. Seine Lippen sind schon leicht gespitzt zum Kuss, während Jesus eine sanft abwehrende Geste zu machen scheint. Auffällig ist, dass Judas dabei Jesus nicht in die Augen schaut. Vielmehr sind seine Augen zur Seite gerichtet, vermutlich zu seinen Auftraggebern, damit er im Blickkontakt mit diesen mittels des verabredeten Kusses die Identifizierung Jesu vollziehen und so den Verrat an seinem Freund und Herrn begehen kann. „Jesus aber sagte zu ihm: Judas, mit einem Kuss lieferst du den Menschensohn aus?“ (Lk 27, 48)

Jesus hatte ihm so sehr vertraut, ihm so vorbehaltlos geglaubt, ihn so sehr gemocht, dass er ihn in den engsten Kreis seiner Vertrauten aufgenommen hatte, und nun dies! Die „Häscher“ hätten ihn sicherlich auch ohne die Hilfe des Judas gefunden. Der „Verrat“, der hier geschieht, besteht in dem Vertrauensbruch zwischen diesen beiden Freunden. Dies wird noch unterstrichen dadurch, dass der Kuss als äußeres Zeichen der Nähe, Vertrautheit, Freundschaft hier als Mittel zum bösen Zweck in sein Gegenteil pervertiert erscheint.

Szene 2: Der Vorgang der „Händewaschung in Unschuld“ ist nur bei Matthäus überliefert: „Als Pilatus sah, dass er nichts erreichte, sondern dass der Tumult immer größer wurde, ließ er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!“ (Mt 27, 24) In unserem Fenster sehen wir außerdem, wie er quasi zur Bekräftigung seiner Unschuld im Augenblick der Waschung Jesus direkt anschaut, distanziert, nicht mehr zuständig und gleichzeitig „ratlos“.

Aber wir kennen diese Haltung in einer Vielzahl von Abwandlungen nur zu gut: „Damit war ich nicht beauftragt! Das war nicht mehr meine Aufgabe!“ – „Das ist nicht meine Sache! Damit will ich nichts zu tun haben!“ – „Sollen sich doch die anderen die Finger dabei schmutzig machen! Ich will meine Ruhe haben!“ – Der Pilatus in uns! Aber sich um Entscheidungen zu drücken, die getroffen werden müssen, ist verantwortungslos. Entscheidungen auf andere abzuwälzen, entbindet nicht von der Verantwortung für die Folgen. Wir kommen nicht umhin, uns die Hände schmutzig zu machen im Dienst am Nächsten. Nichtstun kann oftmals die schlimmste aller Verfehlungen sein.

Szene 3: Die „Geißelsäule“, an die Jesus gebunden wird, ist biblisch nicht belegt, aber seit etwa 1.000 Jahren ein vielverwendetes Passionsbild. Bei Matthäus und auch schon bei Markus lesen wir lediglich:

„Jesus aber ließ er [Pilatus] geißeln und lieferte ihn aus zur Kreuzigung.“ (Mt 27, 26; vgl. Mk 15, 15) Geißelung als heftiges Schlagen oder Auspeitschen bis aufs Blut diente der Bestrafung und Züchtigung. Gegeißelt wurden nur die schlimmsten Missetäter. Der die Geißel schwingende Soldat auf unserer Glasscheibe wendet sich ostentativ von Jesus ab. Aus seiner Miene sprechen Hochmut, Hohn, Menschenverachtung und Geringschätzung: eine der extremen Formen der Abwendung des Menschen vom Menschen. Sein Kollege sitzt achtlos dabei und schaut tatenlos zu. Wir aber wissen, dass hier nicht nur ein Unschuldiger gegeißelt wird, sondern Gottes menschgewordener Sohn kurz vor seiner ebenso wenig „verdienten“ Kreuzigung.

Von dieser Szene hat sich der heute gängige Begriff der „Geißel“ als unverdient erscheinende Strafe abgelöst und verselbständigt: eine Pandemie als „Geißel der Menschheit“, eine Naturkatastrophe oder gar – in der schlimmsten Variante – der Krieg. Offenbar gehört zum Menschsein auch dieses „unverdiente“ Leiden, oft sogar verursacht durch andere Menschen. Daher wird es auch Jesus nicht erspart.

Szene 4: „Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurnen Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf das Haupt und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Sei gegrüßt, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen damit auf seinen Kopf.“ (Mt 27, 27-30) Die „Inszenierung“ ist aufwendig: als Kulisse der Palast des Statthalters, als „Hofstaat“ die ganze Kohorte, der Umhang in königlichem Purpur, ein grausam schmerzbereitendes „Diadem“ als Königskrone, ein Rohr als Hoheitszeichen, als Zepter und kniende Untertanen mit dem Ruf „Es lebe der König!“ – Ist noch mehr „Zuwendung“ einem Mitmenschen gegenüber denkbar? – Und gleichzeitig noch mehr Perversion, Hass, Spott, Herabsetzung, Demütigung, Erniedrigung? – Aber auch die bittere Ironie: Sie benutzen „Symbole“ diesseitiger Königlichkeit zum Spott und Hohn gegenüber jemandem, dessen Königreich „nicht von dieser Welt“ (Joh 18, 36) ist, gegenüber dem König der Herrlichkeit! So wird schließlich die Spottkrone aus Dornen spätestens seit der Gotik in der sakralen Kunst zum wichtigsten Attribut des ans Kreuz geschlagenen Christus.

Fazit: So sehen wir auf unserem Passionsfenster, dass Jesus in seiner Passion, seinem Leiden, bereits vor dem eigentlichen Prozess der Kreuzigung die Abwendung des Menschen in vielfältiger Weise erfährt: als physische Abwendung in der Geißelung; als feige, verantwortungslose und heuchlerische Abwendung in der Person des Pilatus; als verlogene, verräterische „Zuwendung“ des Judas; als komödiantische Spott-Huldigung gegenüber dem mit Dornen Gekrönten. – Aber der Begriff der Passion hat je auch noch eine andere Bedeutung, nämlich die der Leidenschaft. Und Gottes Haltung zu allen Menschen ist die der unübertrefflichen, vorbehaltlosen, leidenschaftlichen Liebe. So wie Jesu Passion als Leiden zum Karfreitag gehört, so zeigt sich an Ostern die Passion als leidenschaftliche Liebe Gottes zu den Menschen. Er durchleidet die Passion des Karfreitags um der passionierten Liebe zu uns Menschen willen: Sieg über Leiden und Tod, Leben und Liebe in Gottes Gegenwart und Herrlichkeit.

Foto: Manos Meisen
Text: Helmut J. Kirfel